Mache dich auf und werde licht!

Monika Korbach im Gespräch mit Pilgerbegleiterin Karin Klose

Skulptur „Engel der Kulturen“, Atelier Gregor Merten und Carmen Dietrich

Karin Klose ist frisch 70 Jahre alt geworden und seit 10 Jahren als ehrenamtliche Pilgerbegleiterin für die Lippische Landeskirche unterwegs.

Monika Korbach

Was hat dich und deinen Mann damals bewogen, beim „Pilgern in Lippe“ mitzumachen und euch bei der Pilgerbegleiter-Ausbildung anzumelden?

Karin Klose

Ein Artikel im Westfalenblatt vom Oktober 2009 brachte uns auf die Idee. Es ging darin um die Ankündigung des Projektes, Pilgern in Lippe an den Start zu bringen. Im November 2009 gab es dann das erste Schnupperpilgern – Karin lacht - bei strömendem Regen, bei dem mein Mann Dieter und ich mitmachten. Normalerweise wären wir bei diesem furchtbar kalten und nassen Wetter lieber zu Hause auf dem Sofa geblieben. Aber die Teilnehmergruppe und die anschließend erlebte Gemeinschaft waren so überzeugend, dass wir neugierig wurden und Appetit auf mehr bekamen. Außerdem stand unsere Pensionierung kurz bevor und wir hatten Lust, gemeinsam neue Wege zu gehen. So haben wir uns dann ziemlich schnell entschieden, ab Januar 2010 die einjährige Pilgerbegleiter-Ausbildung zu beginnen.

Monika Korbach

Ihr wart also schon dabei, als es den eigentlichen Pilgerweg noch gar nicht gab. Den habt ihr während eurer Pilgerbegleiter-Ausbildung mit entwickelt. Außerdem war Dieter Mitautor des Wegbegleiters „Pilgern in Lippe“. Wohin hat es euch danach pilgernd geführt, d.h. wie ist es im wahrsten Sinne des Wortes „weiter gegangen“?

Karin Klose

Neben den sonntäglichen Pilgertouren auf dem lippischen Pilgerweg haben wir für die Lippische Landeskirche ab 2012 den „Weg der Stille“ mit entwickelt, der von Schwalenberg über Marienmünster und Brenkhausen zur Abtei Corvey führt. Das geschah in Zusammenarbeit mit der Klosterlandschaft OWL, dem Kulturland Kreis Höxter und Lippe-Tourismus-Marketing.

Seitdem ist der „Weg der Stille“ unsere Herzensangelegenheit geworden, d.h. wir sind jährlich mehrfach mit Gruppen auf diesem Weg unterwegs und haben seine Entwicklung kulturell und spirituell begleitet und mitgeprägt. Wir waren zum Beispiel dabei, als das Forum Abtei 2016 in Marienmünster eröffnet wurde und haben uns sehr über die Eröffnung des Gästehauses St. Markus am koptischen Kloster in Brenkhausen gefreut. Aber das Wertvollste war die Begegnung mit den Menschen, mit denen wir auf dem „Weg der Stille“ unterwegs waren.

Ab 2014 kam noch etwas Neues hinzu: das Ökumenische Pilgern zusammen mit dem Dekanat Herford-Minden und der MOEWE (Amt für Mission, Ökumene und kirchliche Weltverantwortung). Jedes Jahr waren wir an einem Wochenende mit ca. 40 Menschen unterwegs in der gesamten Region OWL. Und auf dem letzten Kirchentag 2019 in Dortmund haben wir gemeinsam einen Workshop angeboten, indem wir das Ökumenische Pilgern vorgestellt und darüber diskutiert haben, wie das funktioniert.

Monika Korbach

In einer kleinen, aber besonders feinen Pilgertour habt ihr im dunklen November bereits zum dritten Mal durch Detmold geführt. Im Ausschreibungstext heißt es dazu: „Die nachmittägliche Pilgertour führt zu beseelten Orten, zu Kapellen und Stätten des Gebets im Detmolder Stadtgebiet, die vorwiegend abseits von den großen Kirchen liegen…“ Wie seid ihr auf diese Idee gekommen und wo liegen diese geheimnisvollen Orte?

Karin Klose

Bekannte sprachen mich an, ob es nicht auch mal ein kürzeres Pilgerangebot geben könnte – für Menschen, die nicht mehr so lange Strecken bewältigen können. Kurz zuvor hatten wir auf einer Pilgertour die drei Stadtkirchen Detmolds besucht. Aber warum immer nur die großen Kirchen? Es gibt in Detmold eine Vielzahl an wenig bekannten Kapellen und Stätten des Gebetes. Die zu entdecken, hat uns sehr gereizt und so entstand die Idee des Stadtpilgerns. Gerade gestern (17.11.2019) haben wir den dritten Stadtpilgertag durchgeführt: Von der Schlosskapelle ging es über die Bonifatiuskapelle am Wall zur Adventkirche in der Bachstraße, weiter zum Islamischen Kommunikationszentrum in der Industriestraße hin zur Freien Evangelischen Kirche in der Georgstraße bis zum Abschluss in der Kirche des Diakonissenhauses in der Sophienstraße. „Mache dich auf und werde licht…“ aus Jes. 60,1 war unser Leitmotiv.

Monika Korbach

Und warum muss „licht“ hier klein geschrieben werden? Was sagen die Teilnehmenden euch am Ende einer solchen Tour?

Karin Klose

Das Wort „licht“ ist in diesem Kontext ein Adjektiv, ein Eigenschaftswort. Es bedeutet hell, durchscheinend und durchlässig. Doch wofür soll der Mensch licht, also durchlässig werden? Jesaja gibt uns die Antwort: Für das Licht, das von Gott kommt und uns selbst zum Licht werden lässt, um das empfangene Licht aufzunehmen, auszustrahlen und mit anderen zu teilen.

Übrigens: noch am Abend der beschriebenen Pilgertour kam ein Feedback auf mein Handy geflattert. Eine Teilnehmerin schrieb uns: „Ich fühle mich reich beschenkt von euch und den Menschen, die ihr für dieses Stadtpilgern gewonnen habt.“ Das war wirklich so: Menschen, die sich vorher nicht kannten, haben sich am Ende dieses Nachmittags umarmt. Irgendwie verbindet das Pilgern auf eine ganz besondere Weise. 

Monika Korbach

Ich höre an dieser Stelle von euch deutlich einen geistlichen Impuls, der zum Aufbruch motiviert.

Karin Klose

Ja, wir möchten damit ermutigen, selbst zum Licht zu werden, d.h. sich als Christen in dieser Welt einzubringen. Ein gutes Beispiel dafür sind die beiden Stahlbildhauer Gregor Merten und Carmen Dietrich. Nach dem Anschlag auf das World-Trade-Center schufen sie ein Symbol für den interkulturellen Dialog. Es ist ein Kreis, der an den Rändern die Symbole (Davidstern, Kreuz, Halbmond) der drei abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) im Anschnitt zeigt. Bei genauem Hinsehen erkennt man in der Mitte den „Engel der Kulturen“. Als Nebenprodukt entstand eine Säule, die Ende 2021 in der Altstadt von Jerusalem aufgestellt werden soll. Wer neugierig geworden ist auf das Projekt „Engel der Kulturen“, kann sich informieren unter: www.engel-der-kulturen.de

Aber nicht nur Künstler können selbst zum Licht werden, sondern jeder und jede kann vor der eigenen Haustür mit seinen/ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten zum Licht für andere werden.

Monika Korbach

Und was nehmt ihr selbst von eurem Engagement beim „Pilgern in Lippe“ mit?

Karin Klose

Das Pilgern bzw. das Begleiten von Pilgergruppen ist für uns eine Bereicherung in vielerlei Hinsicht: Wir lernen ständig neue Menschen aus den unterschiedlichsten Lebenswelten kennen. Wir entdecken neue Orte und Regionen. Auch neue Orte des Gebetes und ganz andere Zugänge zum Glauben und zum spirituellen Leben. Und wir entdecken uns selbst jedes Mal wieder neu.

Monika Korbach

Was möchtest du den Leserinnen des Frauenrundbriefs gerne noch sagen…

Karin Klose

Ich wünsche Ihnen den Mut, in jedem Alter noch etwas Neues zu beginnen und neue Wege zu gehen. Es gibt noch so Vieles zu entdecken. Die Welt ist bunt und vielfältig. Wir jedenfalls pilgern weiter.

Monika Korbach

Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch, Karin.

 

 

 

04.12.2019

  • Twitter
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Windows Live